Industrie im Wandel begegnet uns selten so greifbar wie bei der Kalkwerke H. Oetelshofen GmbH & Co. KG. Beim Besuch der VBU wurde deutlich, wie tief aktuelle Transformationsprozesse in den Arbeitsalltag hineinwirken.
„Wir stehen vor Aufgaben, die kein Unternehmen allein lösen kann.“
Mit dieser Einschätzung eröffnete Geschäftsführer Till H. Iseke unser Gespräch. Das Familienunternehmen mit rund 100 Mitarbeitenden zählt zu den bedeutenden Grundstoffproduzenten der Region und betreibt seit fünf Generationen Kalksteinabbau und
-verarbeitung im Bergischen Städtedreieck.
Schon zu Beginn zeigte sich, wie unmittelbar industriepolitische Themen auf den Betrieb wirken. „Wir denken ständig in Betriebsszenarien – weil jede technische Anpassung direkte Auswirkungen auf Abläufe, Sicherheit und Energiebedarf hat“, so Iseke.
Der jährliche Energiebedarf von rund 250 Gigawattstunden macht deutlich, wie stark Oetelshofen von Preisentwicklungen, Versorgungslage und politischen Vorgaben abhängig ist. Gleichzeitig arbeitet das Unternehmen an technologischer Weiterentwicklung: alternativen Brennstoffen, Biomasseeinsatz, elektrifizierten Ofenkonzepten und neuen Anwendungen seiner Produkte.
Ein wesentlicher Punkt: Zwei Drittel der CO₂-Emissionen entstehen prozessbedingt und lassen sich technisch nicht vermeiden. Carbon Capture, das Abscheiden von CO₂ direkt aus dem Produktionsprozess, wird damit zur zentralen Zukunftstechnologie. Doch in Deutschland fehlen bisher die notwendigen Transportwege, Speicherorte und Zuständigkeiten. Hinzu kommen Genehmigungsprozesse zur Lagerstättensicherung, die häufig über Jahrzehnte dauern und Unternehmen die Geschäftsgrundlage für wichtige Weiterentwicklungen nehmen.
Standortbedingungen, die über Zukunft entscheiden
Der Besuch zeigte klar, wie stark Energiepreise, Genehmigungsrecht und Infrastruktur über die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Betriebe entscheiden. Auch die Märkte verändern sich: Während klassische Anwendungen zurückgehen, entstehen neue Einsatzfelder – etwa Kalksteinmehl als Klinkerersatzstoff im Zement.
Oetelshofen richtet sich auf diese Entwicklungen aus, erschließt neue Absatzfelder und investiert in technische Optimierungen. Zugleich wurde deutlich, dass langfristige Entscheidungen verlässliche politische Rahmenbedingungen benötigen – sowohl für Investitionen als auch für technologische Weiterentwicklungen.

Naturschutz als gelebte Verantwortung
Ebenso prägend für das Unternehmen ist sein Engagement im Naturschutz. Die Steinbrüche von Oetelshofen bieten wichtige Rückzugsräume für seltene Amphibien- und Vogelarten, die in der heutigen Kulturlandschaft nicht mehr vorkommen.
Kooperationen mit Fachleuten, wissenschaftliche Projekte und sorgfältige Rekultivierung sind hier seit Jahren gelebte Praxis – getragen von Überzeugung und regionaler Verbundenheit.
Was bedeutet das für die VBU – und für die Region?
Der Besuch hat verdeutlicht, wie eng betriebliche Realität, wirtschaftliche Entwicklungen und politische Entscheidungen miteinander verknüpft sind. Energiepreise, CO₂-Transport, Genehmigungsfristen, Tarif- und Arbeitsmarktfragen – diese Faktoren bestimmen den Handlungsspielraum der Betriebe und ihre Fähigkeit, weiterzuentwickeln, umzubauen und zu investieren.
Für die VBU ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: wirtschaftliche Anforderungen und politische Regelungen zusammenzudenken, Zielkonflikte klar zu benennen und politische Entscheidungsprozesse stärker an den tatsächlichen Bedingungen der Unternehmen auszurichten. Ebenso wichtig ist es, die Perspektiven der Betriebe zu bündeln und im politischen Raum zu vertreten.
VBU-Geschäftsführer Michael Schwunk bringt es auf den Punkt: „Damit Unternehmen investieren können, brauchen sie Verlässlichkeit – und eine Politik, die die Bedingungen vor Ort kennt.“ Und weiter: „Solche Gespräche helfen uns, die entscheidenden Themen sichtbar zu machen. Transformation gelingt nur, wenn wir die Unternehmen nicht alleinlassen.“

Verantwortung für eine tragfähige industrielle Zukunft
Oetelshofen zeigt eindrücklich, wie anspruchsvoll industrielle Produktion heute ist und wie eng sie mit funktionierenden Rahmenbedingungen verbunden bleibt. Für viele Unternehmen der Region ist Transformation kein Zukunftsprojekt, sondern täglicher Auftrag.
Genau hier setzt die Arbeit der VBU an: Entwicklungen früh erkennen, Herausforderungen bündeln, Orientierung geben und die Anliegen der Industrie in politische Prozesse einbringen – damit Betriebe zuverlässig produzieren, Arbeitsplätze sichern und Wertschöpfung in der Region ermöglichen können.


